Stimmenimitationen
«In Zungen reden» nannte Robert Gernhardt seine 2000 herausgekommene Sammlung von «Stimmenimitationen von Gott bis Jandl». Ein äusserst vergnügliches Buch, das mich anregt, hin und wieder auch in Zungen zu reden.
Stresemann
(nicht von Ferdinand von Schirach)
Stresemann schiebt sich Kürbiskerne in den Mund. Durch die Wolkendecke bricht ein einzelner Sonnenstrahl. Stresemann kaut. Er sitzt in seinem Auto und schaut auf das Haus der Apothekerin. Mit dem Messer schneidet er einen Apfel in mundgerechte Stücke. Nichts regt sich. Stresemanns Hand zittert. Kürbiskerne fallen zu Boden. Stresemann klaubt sie auf. Die Apothekerin hatte ihn nicht angesehen, als er Kürbiskerne verlangte. Sie weiss jetzt, dass er Prostataprobleme hat. Sonst brauchte er keine Kerne. Stresemann lässt das Fenster herunter und wirft die aufgelesenen Kerne hinaus. Er lässt die Scheibe wieder hochfahren. Sein Kopf dröhnt. Er klappt das Messer zusammen, schiebt den letzten Apfelschnitz in den Mund. Er würde wieder in die Apotheke gehen. Sie würde wieder an ihm vorbeisehen. Er würde die Rindslederschuhe tragen, die er sich bei einem toskanischen Schuster auf Mass machen liess. Die Apothekerin trägt ein goldenes Armband. Stresemanns Mutter hatte ein goldenes Armband getragen am Tag als seine Schwester in den Teich sprang. Ihr Teint war so weiss wie jener der Apothekerin. Er würde das Messer aus der Manteltasche ziehen. Es lässt sich leicht aufklappen. Seine Schwester hatte es ihm geschenkt, als er sechzehn war. Stresemann hatte ihre rosa Brüste gesehen, als sie schlief. Ob die Brüste der Apothekerin auch rosafarben sein würden? Er startet den Motor. Später, beim Richter, wird er sagen: Es war ein Morgen wie jeder andere auch.
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