tobias bauer
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Wochenpöm

Jede Woche ein neues Pöm  – zum Lesen, Lautlesen und gelegentlichen Stolpern. 

Wochenpöm vom 9. September 2026
​Heute ist der neunte Tag des neunten Monats.

Neun

erinnerst du dich an die neunerprobe? 
wird die heute noch angewendet?
wohl kaum. 
dürfte aus der mode gekommen sein,
wie radball oder schnapsmatrizen.
 
im rechnungsheft der sechsten klasse
habe ich 783 neunerproben gemacht 
ich war neunerprobt. 
aber ich weiss nicht mehr genau
wie sie geht. 
 
wieviel anderes habe ich vergessen? 
wie geht die grosse gewehrzerlegung? 
gottseidank muss ich die nie mehr machen!
kann ich noch sagen, was der subjonctif ist? 
wohl kaum.
 
vieles was ich gelernt habe,
habe ich nicht gebraucht.
vieles was ich gebraucht habe,
habe ich nicht gelernt. 


Wochenpöm vom 1. September 2026
​Heute ist in Russland Wissenstag. 

I chas nöd bewiise

I chas nöd bewiise, 
dass i jedem Artikel 
öber de Franz Steinegger
de Begriff politisches Urgestein vorchunnt –
i weisses eifach. 
 
I chas nöd bewiise, 
dass die andere Artikel,
wos om politisches Urgestein goht,
vom Peter Bodemaa handlet – 
i weisses eifach. 
 
I chas nöd bewiise, 
dass Schurnis, 
wo immer vo Politfüchs schribed, 
kei Politfüchs sind –
i weisses eifach. 


Wochenpöm vom 24. August 2026
Dieses Pöm führt in Anlehnung an Dantes Inferno (nicht ganz so episch, aber für ein Pöm doch sehr ausführlich) in die Hölle und ist erschienen in «OrteWorteMokkatorte». 

In der Hölle

PROLOG


Als letzthin ich im Wald so für mich hin
spazieren ging und Blümlein schaute, 
da fühlte ich am linken Bein ein Ziehn.

Ich spürte, wie ich mich vor etwas graute,
und wagte nicht den Blick aufs linke Bein.
Sodann vernahm ich fürchterliche Laute

zum glatt Erweichen einen jeden Stein.
Leis hörte ich ein Stimmchen ohne Zorn, 
das sagte: «Bitte, kannst du mir wohl mein

vermisstes Horn beschaffen, ich hab’s verlorn.» 
Als ich mich überwand, sah ich ein Männchen fein
im Leinenanzug und mit einem Horn

links auf der Stirn, ein Hörnchen ziemlich klein.
Das zweite Hörnchen rechts davon, das fehlte.
Es musste abgeschlagen worden sein. 

Klar war, dass dies das Männchen grässlich quälte.
Ich schickte mich an zu helfen und schaute umher, 
da sah ich im Boden ein Loch, ein Schlag mich fällte.

Ich stürzte ins Dunkel, und dann weiss ich nichts mehr. 

ERSTER KREIS

Ich weiss nicht, wie lang ich lag, bis ich erwachte.
Ich schaute auf, und da stand das Männchen vor mir.
Es hatte wieder beide Hörnchen, lachte 

und sagte: «Gestatten, ich bin der Drachenfatzpfnir. 
Der kleinster aller Teufel bin ich und geleit 
dich weiter durch die Hölle, hier sind wir

noch vor dem ersten Kreis, seit Dantes Zeit
wurde die Hölle ziemlich re-or-ga-ni-siert 
zur Hebung von Effizienz und Zweckmässigkeit. 

Sie ist auf Kernkompetenzen konzentriert,
dafür genügen noch der Kreise drei,
jeder als eignes Profitcenter geführt. 

Im ersten Kreis ist alle Sünderei, 
die man sich nur irgendwie vorstellen kann.»
Er öffnete schnell das Tor, ich hörte Geschrei,

zuerst konnt ich nichts sehen, doch dann
drückte der Drachenfatzpfnir auf einen Knopf. 
Es erstrahlte Licht, wir sahen simultan, 

wie sich Menschen rissen an Füssen und Kopf, 
sich gegenseitig zerschnitten und frassen, 
Kätzchen zerkratzten Männern den Schopf. 

«Ja, mit den Kätzchen ist wahrhaft nicht zu spassen», 
sagte der Drachenfatzpfnir, «so geht es jenen hier
die früher Katzen quälten, du musst nicht erblassen, 

das Prinzip ist einfach in diesem Revier:
Alles, was man im Leben getan an Sünden,
bekommt man hier genau zurück hoch vier,

und das auf immer und ewig, trotz Flehen und Winden.
Wir haben vom Serienmörder bis zum Sodomiten
alles hier, du wirst auch Bombenleger finden, 

Insiderhändler, Vergewaltiger und Banditen, 
Banker, Geldfälscher, Entführer, Menschenfresser, 
zudem Enkelbetrüger und die ganz perfiden

Sozialschmarotzer, daneben die Erpresser, 
die Geiselnehmer, die Kinderschänder, die Sitten-
strolche, die Heiratsschwindler und Messer-

stecher – und auch die Scheininvaliden.
Denen passiert hier unten nicht mehr viel, 
die haben auf Erden schon genug gelitten.»

Ich war verstört vom grausamen Spiel, 
vom Gesehnen beschämt und nass vor Schweiss, 
und wollte fort von hier, leise und still. 

Der Drachenfatzpfnir aber sprach: «Zum zweiten Kreis!»

ZWEITER KREIS

Auf dem Weg dorthin fragte ich meinen Begleiter, 

ob wir denn nicht schon alle Sünden gesehen. 
«Du hast ja keine Ahnung», sprach er heiter, 

«jetzt kommen noch die wirklich schweren Vergehen, 
jene, die uns täglich den letzten Nerv ausreissen. 
Wer solche Taten begangen, kann nur flehen, 

er werde in den ersten Kreis geheissen.
Das jedoch passiert nie und nimmer,
sie müssen auf ewig hier die Teufel preisen, 

die unentwegt sie quälen, weitaus schlimmer
als im ersten Kreis je vorstellbar.»
Ich hörte Telefongeläut und Menschengewimmer

und sah unzählige Menschen sonderbar
springen von Telefon zu Telefon. 
Was taten die Leute? Das war mir schlicht nicht klar, 

jedoch nach kurzer Zeit, da merkte ich schon, 
dass die armen Schweine Werbeanrufe erhielten
für Wein aus Südfrankreich, für eine Subskription

eines Supergeräts, für den genau gezielten 
Wechsel der Krankenkasse, der gelte nur heute, 
für ein Hilfswerk, für Software in allen Gefilden. 

Drachenfatzpfnir flüsterte: «Hier sind Leute, 
die auf Erden selber Werbeanrufe machten,
sie müssen jetzt stets abnehmen, da wacht die Meute

unsrer Teufel.» Die sahen sich um und lachten, 
Fletschenknoll, Bluthund und Speikatz sprangen, 
Sausefeck, Übeltatz und Grimmrot wachten

über alles und zwickten jene mit glühenden Zangen, 
die nicht sofort reagierten. Krummenkröhl,
Tückeschwanz und Hundekraller mit langen

Schläuchen bespritzten sie mit heissem Öl. 
Raufefankel jauchzte zusammen mit Hatzsporn.
Das war ein Schreien, Japsen und Gegröhl.

Über alles wachten Grauseschwanz und Brandlzorn.
Sie führten Buch über jeden Anruf und schrien
eins ums andere Mal: «Das Ganze von vorn!»

Ich schaute weiter und spürte mein Adrenalin, 
Schlangenvordrängler gab’s und Heilsverkünder
und Laubbläserdröhner mit dem sechsten Sinn

für die Verfolgung eines Blättchens in der
Abendruh, Buschauffeure, die wegfahren,
wenn man zur Station kommt, und dann die Erfinder,

die immer noch nichts entwickelt haben seit Jahren, 
um Plastikfolien richtig abzureissen, 
und die Schirmhersteller mit unzumutbaren

Knirpsen, die beim ersten Gebrauch verschleissen, 
Kellnerinnen, die dich während Stunden nicht sehen, 
Leute mit er-isch-en-liebe-Hunden, die beissen. 

Keine Unholde, doch auf die Nerven können sie gehen.
Man quälte sie hier mit dem, was sie stets taten. 
Ich sah die Leute sich winden und drehen 

im Bläsergedröhn mit blutig zerbissenen Waden, 
sah Buschauffeure, die verzweifelt Bussen nachrannten.
Die Teufel lachten und vergrösserten den Schaden

mit Bomben, Benzin und Fackeln, bis alle brannten.
Mir grauste, doch wieder hörte ich hinter mir
ein Weiter geht’s von meinem figalanten 

Höllenbegleiter, dem Drachenfatzpfnir!

DRITTER KREIS

​Wir betraten den dritten Kreis, und alles war leer, 

kein Sünder zu zu sehen und auch kein Sündenpfuhl. 
Gar nichts befand sich hier, ich wunderte mich sehr, 

ausser einem grossen roten Drehstuhl, 
mit dem Rücken zu mir, ich konnte nicht sehen, wer
drin sass, da drehte der Stuhl sich somnambul.

Was ich dann sah, war weitaus schrecklicher
als alles bisher, ich fass es kaum in Worte,
was dick und fett da hockte voll ekliger

Grausamkeit, das war ... eine Mokkatorte!
Mit schleimig-schriller Stimme hub sie an: 
«Du missbrauchst mich stets für eine Sorte

von Spielen, die ich ganz und gar nicht leiden kann, 
denn du konjugierst und malträtierst mich,
ich hasse das, es reisst an meinem letzten Zahn.

Und darum räch ich mich jetzt fürchterlich!»
Ein Pfiff, es kamen Torten dick und braun
und begruben mich langsam unter sich.

Dabei verquirlten sie mich tonlos zu Schaum. 
Ich schrie und schrie und schrie und fand keine Worte.
Und dann erwachte ich aus meinem Traum. 

Es stimmt halt schon: I mog ka Mokkatorte. 


Wochenpöm vom 18. August 2026
(dieses Pöm ist erschienen in «OrteWorteMokkatorte»)

Schattenbräune
​​

Mein Schatten liegt gern an der prallen
Sonne und lässt sich dort rösten.
Dabei schäkert er mit allen 
Schättinnen und will sie trösten, 
 
weil sie nie braun werden können.
Es passte zwar zu ihrer Figur, 
und wär ihnen echt zu gönnen.
Doch das Problem sei halt nur: 
 
Ein Schatten wird niemals braun, 
ein Schatten bleibt immer gräulich, 
das gilt auch für die der Fraun, 
die werden höchstens mal bläulich. 
 
Da hilft kein Nivea, kein Eucerin,
kein Sherpa Tensing, kein Garnier, 
kein Arosana, kein Piz Buin.
Und auch Juvena hilft gar nie. 

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